„Sobald wir Online-Altersverifikation einführen, betrifft das alle“: ein Gespräch mit Dr. Wouter Lueks
Warum sind Technologien zur Altersfeststellung derzeit ein so wichtiges Thema?
In der Gesellschaft besteht ein breiter Konsens darüber, dass Kinder und Jugendliche vor schädlichen Online-Inhalten geschützt werden sollten. Lange Zeit lag der Fokus dabei vor allem auf altersbeschränkten Angeboten wie Glücksspiel oder pornografischen Inhalten. Mittlerweile umfasst die Debatte jedoch ein deutlich breiteres Spektrum, darunter soziale Medien und weitere potenziell schädliche Inhalte. Viele Länder diskutieren deshalb Maßnahmen, die Minderjährigen den Zugang zu solchen Angeboten erschweren sollen. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, wie sich entsprechende Altersbeschränkungen im digitalen Raum durchsetzen lassen.
Was versteht man aus technischer Sicht unter Altersfeststellungstechnologien?
Altersfeststellungstechnologien sollen das Alter von Nutzer:innen bestimmen, die auf eine Website oder Online-Plattform zugreifen möchten. Dafür gibt es verschiedene technische Ansätze, die jeweils unterschiedliche Konsequenzen mit sich bringen. Eine Möglichkeit ist beispielsweise die Altersschätzung anhand eines Selfies. Dabei analysiert ein System ein Foto und schätzt das Alter der Person. Am anderen Ende des Spektrums stehen Verfahren, die auf Ausweisdokumenten oder anderen offiziellen Nachweisen basieren und das Alter verifizieren. Entscheidend ist, dass all diese Prozesse in einem digitalen Umfeld stattfinden. Zudem unterscheiden sich die technischen Möglichkeiten je nachdem, ob der Zugriff über eine Smartphone-App oder eine Website erfolgt. Anders als beim Vorzeigen eines Ausweises im Kino wird die Altersprüfung hier vollständig über digitale Geräte vermittelt.
Wie würdest du die verschiedenen Ansätze zur Altersfeststellung einordnen?
Ich unterscheide zwischen vier Kategorien. Die erste Kategorie umfasst elterliche Kontrolle und Zustimmung. Eltern können Geräte so konfigurieren, dass bestimmte Apps oder Websites blockiert werden oder eine Zustimmung erforderlich ist. Die zweite Kategorie ist die Altersableitung (Age Inference). Dabei analysieren Systeme Verhaltensmuster, teilweise über längere Zeiträume hinweg, um Rückschlüsse auf das Alter einer Person zu ziehen. Die dritte Kategorie ist die Altersschätzung (Age Estimation), bei der etwa Selfies oder andere Informationen ausgewertet werden, um das Alter zu schätzen. Sowohl Altersableitung als auch Altersschätzung sind grundsätzlich mit Unsicherheiten verbunden. Es ist fraglich, wie zuverlässig solche Systeme beispielsweise zwischen einer 17- und einer 18-jährigen Person unterscheiden können. Die vierte Kategorie ist die Altersverifikation (Age Verification). Hier werden offizielle Dokumente oder vertrauenswürdige Datenquellen genutzt, um das Alter festzustellen. Jede dieser Methoden bringt spezifische Vor- und Nachteile mit sich.
Wen würde die Einführung von Altersfeststellungstechnologien betreffen?
Sobald wir eine umfassende Online-Altersverifikation für digitale Dienste einführen, betrifft das alle Nutzer:innen. Oft entsteht der Eindruck, solche Maßnahmen betreffen ausschließlich Minderjährige. In der Praxis ist das jedoch nicht möglich. Websites wissen im Vorfeld nicht, ob eine Person minderjährig ist. Deshalb müssen alle den Verifikationsprozess durchlaufen. Das betrifft ältere Menschen ebenso wie Tourist:innen aus dem Ausland oder Personen mit geringer technischer Erfahrung. Für manche können zusätzliche digitale Hürden zu echten Barrieren werden und die Teilhabe am digitalen Leben erschweren. Das ist besonders relevant, weil viele Menschen Altersverifikation grundsätzlich befürworten, ihre Zustimmung jedoch häufig sinkt, sobald ihnen bewusst wird, dass sie selbst ebenfalls von diesen Verfahren betroffen wären.
©CISPA / David Rohner
In deinem aktuellen Paper sprichst du über unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Kannst du Beispiele nennen?
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Problemen, die aus konkreten technischen Lösungen entstehen, und solchen, die bereits im Grundprinzip der Zugangsbeschränkung nach Alter angelegt sind. Manche Schwierigkeiten lassen sich möglicherweise durch bessere Technologien beheben. Andere sind grundsätzlicher Natur und bestehen unabhängig von der jeweiligen Umsetzung.
Ein Beispiel dafür ist das Zensurrisiko. Derzeit sollen diese Technologien Kinder und Jugendliche vor schädlichen Inhalten schützen, etwa in sozialen Medien. Technisch gesehen gibt es jedoch nichts, was ihre Nutzung auf diesen Zweck beschränkt. Dieselben Systeme könnten künftig auch eingesetzt werden, um den Zugang zu Online-Spielen, LGBTQ+-Inhalten, politischen Informationen oder bestimmten Büchern einzuschränken.
Wer ein System zur altersabhängigen Zugangskontrolle entwickelt, schafft letztlich ein Instrument zur Inhaltsregulierung. Es wird festgelegt, wer auf bestimmte Inhalte zugreifen darf und wer nicht. Auch wenn politische Entscheidungsträger:innen derzeit gute Absichten verfolgen, können solche Systeme später für andere Zwecke eingesetzt werden.
Du sprichst außerdem Datenschutzbedenken an. Worin bestehen diese?
Ein verbreitetes Verfahren verlangt von Nutzer:innen, sowohl ein Selfie als auch ein Foto ihres Ausweisdokuments hochzuladen. Aus Sicht der Altersverifikation ist das vergleichsweise zuverlässig. Aus Datenschutzperspektive ist es jedoch problematisch. Für die Altersprüfung genügt eigentlich die Information, ob eine Person volljährig ist. Stattdessen erhält die Plattform häufig ein vollständiges Identitätsprofil mit Namen, Geburtsdatum, Ausweisnummer, Geburtsort und weiteren personenbezogenen Daten. Es gab bereits Fälle, in denen solche Daten unzureichend geschützt gespeichert wurden und später durch Datenlecks öffentlich wurden. Daraus können Risiken wie Identitätsdiebstahl entstehen. Bereits die Aufforderung, Selfies auf beliebigen Online-Plattformen hochzuladen, wirft datenschutzrechtliche Fragen auf.
Funktionieren diese Technologien zur Altersfeststellung in der Praxis überhaupt zuverlässig?
Das ist ein weiteres zentrales Problem. Selbst wenn Verfahren zur Altersverifikation technisch gut funktionieren, lassen sie sich oft leicht umgehen. Nutzer:innen können beispielsweise ein VPN verwenden. Dadurch erscheint ihr Internetverkehr so, als käme er aus einem Land, in dem die entsprechenden Regelungen nicht gelten. In solchen Fällen verzichten Websites möglicherweise vollständig auf die Altersprüfung. Aus meiner Sicht konzentriert sich die Debatte zu stark auf die Absicherung der „Vordertür“, während die „Hintertür“ mit der Aufschrift „VPN“ weiterhin offensteht. Dadurch entstehen Belastungen und Risiken für alle Nutzer:innen, während gleichzeitig ein erheblicher Teil die Maßnahmen umgehen kann.
Vor diesem Hintergrund schlägst du eine Hierarchie möglicher Lösungen vor. Wie sieht diese aus?
Da diese Systeme alle betreffen und relativ leicht umgangen werden können, plädieren wir in unserer Studie für weniger eingreifende Ansätze. Dazu gehören beispielsweise elterliche Kontroll- und Zustimmungsmechanismen. Sie sind zwar nicht perfekt, verursachen aber weniger negative Auswirkungen, weil sie nicht alle Nutzer:innen gleichermaßen betreffen.
Eine weitere Möglichkeit ist die Altersprüfung direkt auf dem Endgerät. Beim Einrichten eines Smartphones könnte eine Person beispielsweise ihr Geburtsdatum angeben oder einmalig eine lokale Verifikation durchführen. Anschließend würde das Gerät lediglich mitteilen, ob die Person eine bestimmte Altersgrenze überschritten hat. Dadurch müssten persönliche Daten nicht bei jedem Website-Besuch erneut übermittelt werden.
Die Europäische Union entwickelt derzeit die EU Digital Identity Wallet, das die Speicherung von offiziellen digitalen Nachweisen ermöglichen soll. Siehst du darin eine mögliche Lösung für einige der Datenschutzbedenken im Zusammenhang mit Altersfeststellungstechnologien?
Möglicherweise ja. Wenn die derzeit vorgesehenen Datenschutzanforderungen konsequent umgesetzt werden, könnte die EU Digital Identity Wallet viele Informationsabflüsse verhindern. Nutzer:innen könnten theoretisch mithilfe sogenannter Zero-Knowledge-Verfahren nachweisen, dass sie über 18 Jahre alt sind. In diesem Fall würde lediglich offengelegt, ob die erforderliche Altersgrenze erreicht wurde. Das wäre ein erheblicher Fortschritt für den Schutz der Privatsphäre.
Welche Empfehlung würdest du politischen Entscheidungsträger:innen geben?
Wenn wir Technologien zur Altersfeststellung tatsächlich einsetzen wollen, sollten wir uns eher für weniger eingriffsintensive und leichter umsetzbare Lösungen wie gerätebasierte Ansätze entscheiden, statt vermeintlich wasserdichte Verfahren zu verfolgen, die sich dennoch leicht umgehen lassen. Anders ausgedrückt: Der Wunsch nach Perfektion sollte praktikable und ausreichend wirksame Lösungen nicht verhindern.
Das grundlegende Problem besteht darin, dass politische Maßnahmen häufig auf Zugangsbeschränkungen setzen, anstatt die Gestaltung sozialer Medien selbst zu regulieren wie etwa Empfehlungsalgorithmen, die gezielt auf maximale Aufmerksamkeit und Interaktion ausgerichtet sind. Altersverifikation ist in diesem Zusammenhang ein sehr grobes Instrument. Und sie ist keineswegs folgenlos: Sie kann Risiken für Meinungsfreiheit, gesellschaftliche Teilhabe und Datenschutz mit sich bringen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Wissenschaftliche Publikation:
Lueks, Wouter, Dreyer, Stephan, Federrath, Hannes, and Simon, Judith, “Assessing Age Assurance Technologies: Effectiveness, Side-Effects, and Acceptance”, arXiv e-prints, Art. no. arXiv:2603.25695, 2026. doi:10.48550/arXiv.2603.25695.