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2026-05-11
Patricia Müller

Mehr als Theorie: Wie aus Kryptografieforschung konkrete Innovation entsteht

Von der Forschung auf vier Kontinenten bis hin zu seinen ersten Schritten als Unternehmer: Unser neuer Fellow Khue Do untersucht, wie Kryptografieforschung eines Tages dazu beitragen könnte, die Online-Authentifizierung sicherer und datenschutzfreundlicher zu machen. Dabei stieß er auf eine Realität, die viele Forschende erst sehen, wenn sie die akademische Welt verlassen – und das hat seine Sicht auf Innovation grundlegend verändert.

Wie hat dich deine Reise durch verschiedene Länder, Universitäten und Forschungskulturen geprägt?

Sie hat mich sowohl persönlich als auch beruflich tief geprägt. Man sagt oft, dass sich ein Mensch verändert, wenn er anfängt, eine andere Sprache zu sprechen. Ich glaube, dasselbe Prinzip gilt, wenn man zwischen verschiedenen Kulturen und Umgebungen wechselt.

Ein Umzug an einen neuen Ort dreht sich nie nur um die Arbeit. Es geht auch darum, Menschen kennenzulernen, Beziehungen aufzubauen und nach und nach Teil eines anderen sozialen und kulturellen Umfelds zu werden. Wenn man sich immer mehr in dieses Umfeld integriert, nimmt man unweigerlich Aspekte seiner Werte, Gewohnheiten und Weltanschauung auf. Mit der Zeit beeinflussen diese Erfahrungen nicht nur die Art und Weise, wie man arbeitet, sondern auch, wie man denkt, kommuniziert und dem Leben im Allgemeinen begegnet.

Das Leben und Arbeiten in verschiedenen Regionen hat mir aus jedem kulturellen Kontext ganz eigene Lektionen vermittelt. In ostasiatischen Ländern wie Vietnam und Japan entwickelte ich eine große Wertschätzung für kollektiven Respekt, soziale Harmonie und ein tiefes Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gemeinschaft. In diesen Umgebungen wurden Disziplin im sozialen Verhalten, Achtsamkeit gegenüber anderen und die Bedeutung von Handeln im Sinne der Gruppe statt nur des Einzelnen betont.

In Europa kam ich stärker mit Werten wie Kreativität, intellektueller Unabhängigkeit und Innovation in Berührung. Ich lernte, kritischer zu denken, Annahmen offener zu hinterfragen und Probleme mit mehr Originalität und Flexibilität anzugehen.

In Deutschland entwickelte ich einen tieferen Respekt für Disziplin, Struktur und Präzision bei der Arbeit. Die deutsche Arbeitskultur bedeutete für mich vor allem Organisation, Verlässlichkeit und eine genaue Ausführung der Arbeit.

In den USA erlebte ich eine deutlich schnellere, ehrgeizigere Arbeitskultur. Sie lehrte mich den Wert von Schnelligkeit, Entschlossenheit und Risikobereitschaft. Ich lernte, handlungsorientierter zu sein, Unsicherheit anzunehmen und Ideen mit mehr Mut und Ehrgeiz zu verfolgen.

Insgesamt haben diese Erfahrungen meinen Charakter nachhaltig geprägt. Sie haben meine Denkweise, meine Arbeitsweise und meinen Umgang mit anderen geprägt. Jeder Ort hat etwas Einzigartiges beigetragen, und gemeinsam haben mich die Erfahrungen sowohl in meinem Privat- als auch in meinem Berufsleben anpassungsfähiger, aufgeschlossener und zielstrebiger gemacht.

 

Wann kam dir zum ersten Mal der Gedanke, dass du nicht nur forschen, sondern auch ein Unternehmen aufbauen wolltest?

Da unsere Arbeit im Bereich der angewandten Kryptografie liegt, sind wir der Meinung, dass ihr Wert über theoretische Beiträge hinausgehen sollte. Auch wenn solide Grundlagen nach wie vor unerlässlich sind, möchten wir nicht, dass unsere Forschung nur auf dem Papier bleibt. Vielmehr wollen wir einen greifbaren Einfluss auf den Alltag nehmen. Dieses Ziel ist besonders wichtig angesichts des alarmierenden Anstiegs von Online-Betrug, Phishing und Cyberangriffen in den letzten Jahren. Das Ausmaß und die Folgen solcher Vorfälle sind gravierend. Viele Menschen haben erhebliche finanzielle Verluste erlitten, in einigen Fällen sogar ihre gesamten Ersparnisse verloren, während zahlreiche Familien mit tiefgreifenden persönlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten konfrontiert waren.

Da sich unsere Forschung auf die Stärkung der Sicherheit von Online-Konten und die Verbesserung des Schutzes personenbezogener Daten in digitalen Umgebungen konzentriert, sehen wir diese Arbeit als einen kleinen Beitrag, den wir für die Gesellschaft leisten können. Durch die Entwicklung praktischer und einsetzbarer Lösungen hoffen wir, digitale Systeme für normale Nutzer:innen sicherer zu machen und – wenn auch im kleinen Rahmen – dazu beizutragen, den Schaden zu verringern, der durch die immer weiter um sich greifenden Online-Bedrohungen verursacht wird.

 

Gab es einen bestimmten Wendepunkt oder eine Situation, die diese Entscheidung ausgelöst hat?

Nein, es gab keine einzelne Situation, die diese Entscheidung ausgelöst hat. Vielmehr ergab sie sich aus einem schrittweisen, anhaltenden Reflexionsprozess, der im Laufe der Zeit durch fortwährende Erfahrungen, Beobachtungen und ein wachsendes Bewusstsein für die praktische Bedeutung unserer Arbeit geprägt wurde.

 

Was hat dich bei der Arbeit in internationalen Teams besonders geprägt – oder vielleicht herausgefordert?

Mir fällt nichts Bestimmtes ein, abgesehen von der Wichtigkeit, andere Kulturen zu respektieren. Oft gibt es kulturelle Normen, Bräuche oder Sensibilitäten, die nicht sofort offensichtlich sind, und etwas, das in einer Kultur als völlig akzeptabel gilt, kann in einer anderen Kultur anders wahrgenommen werden. Sich solcher Unterschiede bewusst zu sein, ist wichtig, um respektvoll miteinander umzugehen und unbeabsichtigte Missverständnisse zu vermeiden. Gleichzeitig macht es Spaß und ist bereichernd, etwas über andere Kulturen zu lernen, da dies wertvolle Gelegenheiten bietet, neue Perspektiven zu gewinnen und das eigene Verständnis zu erweitern.

„Das Programm bietet ein einzigartig unterstützendes Umfeld, das Einschränkungen in der Anfangsphase deutlich verringert. Es schafft einen strukturierten 'sicheren Raum', in dem die Teilnehmenden ihre Ideen erkunden und validieren können.“

Khue Do
Teilnehmer am CISPA Founders Fellowship

Gab es eine Diskrepanz zwischen deinen Erwartungen an Forschung bzw. Gründung und dem, was du tatsächlich erlebt hast?

Es gab eine erhebliche Kluft zwischen den in wissenschaftlichen Arbeiten vorgestellten Forschungslösungen und denen, die in der Industrie praktisch einsetzbar sind. In der Praxis müssen viele zusätzliche Anforderungen berücksichtigt werden – Anforderungen, die mir zu Beginn nicht vollständig bewusst waren. Wenn ein Unternehmen oder eine Organisation beispielsweise eine Sicherheitsarchitektur einführen will, ist die Produktsicherheitszertifizierung oft eine Voraussetzung. In der Wissenschaft hingegen wird in der Regel mehr Vertrauen in theoretische Analysen und formale Verifizierung gesetzt, da diese Methoden es uns ermöglichen, die Sicherheit einer Architektur auf strengere, transparentere und logisch fundiertere Weise zu bewerten, anstatt uns hauptsächlich auf institutionelle oder regulatorische Autoritäten zu verlassen.

 

Was hat dich konkret dazu motiviert, am Founders Fellowship am CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit teilzunehmen?

Die zahlreichen Vorteile des Fellowships gaben letztlich den Ausschlag für meine Entscheidung, an dem Programm teilzunehmen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass eine der größten Herausforderungen bei der Gründung eines Startups darin besteht, die anfängliche Risikophase effektiv zu bewältigen. Unternehmen in der Frühphase sind von Natur aus mit Unsicherheiten behaftet, und die Fähigkeit, Ideen ohne übermäßigen finanziellen oder operativen Druck zu erforschen, zu testen und zu verfeinern, entscheidet oft darüber, ob sich eine Idee sinnvoll zu einem tragfähigen Produkt oder Unternehmen entwickeln kann.

In dieser Hinsicht bietet das Programm ein einzigartig unterstützendes Umfeld, das die Einschränkungen in der Anfangsphase deutlich verringert. Es schafft einen strukturierten „sicheren Raum“, in dem die Teilnehmenden ihre Ideen erkunden und validieren können, ohne eine unmittelbare finanzielle Belastung zu tragen, während sie gleichzeitig von der finanziellen Unterstützung durch das Stipendium selbst profitieren. Diese Kombination senkt die Hürden für Experimente erheblich und ermöglicht es den Gründenden, sich stärker auf Innovation und Lernen zu konzentrieren.

Über diese grundlegende Unterstützung hinaus bietet das Fellowship auch ein umfassendes Ökosystem zusätzlicher Ressourcen. Dazu gehören hochwertiges Feedback von erfahrenen Mentor:innen, Zugang zu wertvollen beruflichen Netzwerken sowie Unterstützung bei Fördermitteln, Finanzierungsmöglichkeiten und Reisekosten. Zusammen bilden diese Elemente eine starke Unterstützungsstruktur, die nicht nur das Risiko verringert, sondern auch aktiv die Wahrscheinlichkeit bedeutender Fortschritte und Wirkung erhöht.

Mit diesem Programm erhalten Promovierende, Postdoktorand:innen und herausragende Masterstudierende die Möglichkeit, ihre innovativen Forschungsarbeiten in den Bereichen Informationssicherheit, Datenschutz und KI/ML in erfolgreiche Startups umzusetzen. Hier geben wir einen umfassenden Überblick über das Programm, seine Ziele, Teilnahmebedingungen, Vorteile, Struktur und das Bewerbungsverfahren.

Gab es einen bestimmten Moment oder ein bestimmtes Gespräch, das dich überzeugt hat?

Nein, mich hat das ansprechende Plakat überzeugt :) 

 

Erzähl mir von deiner Startup-Idee.

Wir entwickeln eine Authentifizierungs- und Identitätsprüfungsplattform der nächsten Generation, die phishing-resistente Anmeldung mit Datenschutz und hoher Benutzerfreundlichkeit verbindet. Das System kombiniert moderne kryptografische Authentifizierungsmethoden mit sicherer Identitätsprüfung und delegierten Authentifizierungsmechanismen. Da für die sichere Anmeldung nicht ausschließlich spezielle Hardware-Token erforderlich sind, lassen sich Implementierungskosten senken und die praktische Einsetzbarkeit verbessern – bei gleichzeitig hohen kryptografischen Sicherheitsgarantien.

Die zentrale Innovation des Projekts liegt in der Verbindung von phishing-resistenter Authentifizierung, datenschutzfreundlicher Identitätsprüfung und einer skalierbaren Authentication-as-a-Service-Infrastruktur innerhalb eines einheitlichen Frameworks. Dafür nutzt das System fortschrittliche kryptografische Protokolle, sichere isolierte Hardwarekomponenten (Trusted Execution Environments) sowie sichere Authentifizierungsverfahren, die sich an den FIDO2-Standards orientieren. Gleichzeitig ermöglicht die Plattform flexible Delegations- und Wiederherstellungsfunktionen, die in bestehenden Lösungen bislang häufig fehlen.

 

Wie hat sich dein Alltag oder deine Denkweise verändert, seit du dem Stipendienprogramm beigetreten bist?

Ich bin immer noch ich selbst – vielleicht muss ich mich nur etwas formeller kleiden als sonst. :)

 

Welche Art von Unterstützung war für dich bisher am wertvollsten?

Da gibt es mehrere Beispiele, die ich nennen könnte.

Erstens bietet das Stipendium wertvolle technische Unterstützung, indem es mir Zugang zu Möglichkeiten wie Zuschüssen, Fördermitteln und potenziellen Pilotkund:innen verschafft.

Zweitens erleichtert das Stipendium die Teilnahme an Konferenzen, Workshops oder Kursen sowie Reisen, sodass ich an den empfohlenen relevanten Veranstaltungen teilnehmen kann. Diese Veranstaltungen bieten wertvolle Gelegenheiten, neue Kontakte zu knüpfen, neue technologische Einblicke zu gewinnen und aktuelle Markttrends besser zu verstehen.

Und schließlich, was am wichtigsten ist: Das Stipendium liefert äußerst wertvolles Feedback zum Produkt. Dieses Feedback ist stets streng und aufschlussreich, dabei aber immer konstruktiv und niemals entmutigend. Es schafft ein starkes Gefühl der Zusammenarbeit, als würden wir gemeinsam daran arbeiten, sowohl die Idee als auch das Produkt zu verfeinern und zu stärken.

 

Wenn dein Startup in fünf Jahren erfolgreich ist, was wird sich konkret verändert haben?

Unser Ziel ist es, die Art und Weise, wie Online-Authentifizierung und Identitätsmanagement gestaltet und praktiziert werden, grundlegend zu prägen. Wir wollen zu einer Zukunft beitragen, in der sich Einzelpersonen vertrauensvoll an digitalen Ökosystemen beteiligen können, ohne sich unnötige Sorgen um Sicherheit, Datenschutz oder Identitätsmissbrauch machen zu müssen. 

 

Und wenn du den Satz vervollständigst: „Ein Unternehmen zu gründen bedeutet für mich…“ – wie würdest du ihn beenden?

Keine Ahnung, ich will es einfach machen, schätze ich. :)

 

Weitere Informationen über Khue Do