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2026-07-08
Eva Michely

"Ich habe hohe Ansprüche was Coolness angeht": Ein Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Zeller

Andreas Zeller erhält heute auf der ACM International Conference on the Foundations of Software Engineering den 11. Impact Paper Award seiner Karriere. Diese besonderen Auszeichnungen ehren wissenschaftlichen Beiträge, deren große überdauernde Bedeutsamkeit für das Forschungsfeld sich über Jahre hinweg bestätigt hat. Ausgezeichnet wird Andreas Zeller diesmal für die Entwicklung des SZZ-Algorithmus, den er 2005 gemeinsam mit Jacek Śliwerski und Thomas Zimmermann vorgestellt hat. In der Nominierung heißt es, der Algorithmus habe „eine neue Generation empirischer Studien, Tools und Verfahren für das Verständnis und die Verbesserung von Softwarequalität ermöglicht“. Im Interview sprechen wir mit ihm über seinen Blick auf das Wissenschaftssystem, seine Pionierarbeit fernab etablierter Forschungsfelder und das Erfolgsrezept seiner Karriere.

Andreas, du wirst heute mit einem Impact Paper Award für das Paper „When do changes induce fixes?“ ausgezeichnet. Worum geht es dort? 

Wenn Softwareentwickler Änderungen an einer Software vornehmen, dann protokollieren sie ihre Änderungen in einer sogenannten Versionsdatenbank. Und wenn Fehler in einem Programm auftreten, werden sie in einer anderen Datenbank gespeichert, nämlich in der Fehlerdatenbank. Nun werden Fehler in der Regel dadurch behoben, dass die Software geändert wird. Es gibt also eine implizite Beziehung zwischen der Fehlerdatenbank und der Versionsdatenbank. Die Änderungen mit den Fehlern zu verknüpfen war vor 20 Jahren noch nicht ohne weiteres möglich. Wir haben einen Algorithmus vorgestellt, der diese Zuordnung automatisch machen konnte.

Wieso ist dieser Algorithmus so bedeutsam gewesen?

Durch diese Zuordnung kann man etwa fragen, „wo in diesem Softwareprojekt treten denn die meisten Fehler auf?“ Man kann auch fragen, „wann sind die meisten Fehler aufgetreten?“, „wer hat die meisten Fehler repariert?“, oder „wo und wann sind die meisten Fehler verursacht worden?“ Das heißt mit einem Schlag hat man die Möglichkeit, Unmengen von empirischen Untersuchungen über ein Softwareprojekt automatisch anzustellen. Und weil so viele ihn benutzt haben, hat unser Algorithmus später einen Namen bekommen. Er wurde mit den Namen seiner Autoren bedacht – Śliwerski, Zimmermann, Zeller. Es ist der SZZ-Algorithmus.

War Euch schon 2005 bewusst, dass der SZZ-Algorithmus ein großer Wurf ist?

Das war eine kleine Sache auf einem Workshop, bei der wir uns nicht viel gedacht haben. Wir haben einen Algorithmus vorgestellt, der hat funktioniert – wunderbar. Aber nachdem unser Verfahren vorgestellt wurde, haben es hunderte Forschende aufgegriffen und damit empirische Studien gemacht. Auch Firmen wie Microsoft und Google haben es genutzt und so herausgefunden, unter welchen Bedingungen die meisten Fehler aufgetreten sind. Bei Windows Vista konnten empirische Studien etwa nachweisen, dass viele Fehler das Resultat bestimmter Führungsstrukturen bei Microsoft waren. 

Das ist nun dein 11. Impact Paper Award. Das ist eine wirklich außergewöhnliche Leistung.

Es ist lustig, dass die ganzen Impact Paper Awards nie einen Best Paper Award bekommen haben. Davon habe ich bisher nur 3 gewonnen. Das liegt auch daran, dass ich immer gerne in Gebieten und an Themen gearbeitet habe, die noch nicht so groß waren. Ich habe eine Nische gefunden und festgestellt, diese Nische ist gar keine Nische, sondern riesiger Raum – zumindest für mich. Dann habe ich weiter daran gearbeitet und es hat immer einige Jahre gedauert, bis sich die Relevanz des Themas bestätigt hat. 

Du hast dich also nicht so stark davon beeinflussen lassen, was andere Leute geforscht haben?

Letztendlich ist es hier wie überall: Man kann im großen Strom mitschwimmen, dann ist die wissenschaftliche Karriere planbarer. Man leistet Beiträge zu einem Gebiet, in dem schon viele Leute arbeiten. Das bedeutet, dass andere verstehen, was man macht – sie können deine Arbeit begutachten und bewerten. Und natürlich kann man auch im Mainstream wichtige Beiträge zur Wissenschaft leisten. Das muss man gar nicht geringschätzen. Man kann aber auch sagen, „ich such mir lieber ein Gebiet, das noch recht unerforscht ist.“ Im Vergleich ist man dann eher als Späher unterwegs, während die anderen in der großen Infanterie voranrücken. Und als Späher geht man in die Wildnis und schaut, was es an tollen Sachen zu entdecken gibt. Das kann sehr erhellend sein. Es kann aber auch sehr mühsam sein, weil man sich durchs Unterholz quälen muss. Und es ist risikoreicher, denn wer weiß, ob man unterwegs nicht irgendwo vom Bären gefressen wird.

Werden Späher in der Wissenschaft denn oft vom Bären gefressen?

Unser Wissenschaftssystem, das auf viele Veröffentlichungen aus ist – publish or perish –, honoriert viele Veröffentlichungen im Mainstream eher als wenn man etwas Exotisches macht, das sich erst nach einigen Jahren etabliert. Denn man muss seine Forschung in der Community auch begründen und rechtfertigen: „Wieso gehst du in diese Richtung? Das ist doch ein klarer Weg, den wir hier alle beschreiten.“ Gerade für junge Forschende ist es ein Risiko, wenn sie sich zu weit vom Mainstream entfernen.

Hat diese Entfernung vom wissenschaftlichen Mainstream dich zu Beginn deiner Karriere in Schwierigkeiten gebracht?

Als ich mich auf meine Professorenstelle hier in Saarbrücken beworben habe, war ich der Kandidat mit den wenigsten Veröffentlichungen. Ich hatte weniger als 10 Beiträge, das war lächerlich wenig. Aber glücklicherweise hat die Berufungskommission nicht auf die Zahlen geschaut, sondern meine Beiträge tatsächlich gelesen und festgestellt, „oh, der Zeller macht ja was ganz anderes, das wir so noch nie gesehen haben“. Da hatte ich die Sympathie der Berufungskommission und hinterher auch die Sympathie der Gutachter, die meine Sachen angeschaut haben. Wenn es einen Filter für Publikationszahlen gegeben hätte, wäre ich gleich rausgeflogen.  

Hat sich durch die Professur etwas an der Art Weise geändert, wie du forschst und publizierst? 

Als ich meine Professur angetreten habe, habe ich unseren Dekan gefragt, was meine Erfolgsmetrik sein soll: „Soll ich viele Paper schreiben, oder viele Drittmittel einwerben, oder etwas anderes machen?“ Seine Antwort war, „nein, nein, du sollst viele Professoren produzieren.“ Ich musste mich also nicht um viele, viele Paper kümmern, sondern hatte den Freibrief, Dinge zu tun, die langfristig Wirkung erzielen. Die meisten Paper, die wir schreiben, werden auch heute noch erst einmal abgelehnt, oft von Gutachtern, die unsere Vision nicht teilen und sagen, „die kleinen Schritte, die du auf diese Vision zu machst, die begeistern mich gar nicht.“ Manchmal ist unsere Forschung auch schwierig zu erklären, weil wir Dinge aus verschiedenen Gebieten zusammenbringen, etwa Verfahren aus dem maschinellen Lernen mit Verfahren aus formalen Methoden. Die Informatik ist groß und weit verzweigt und für die Karriere ist es einfacher, wenn man in seinem eigenen Gebiet bleibt, dann findet man schneller Gutachter, die einschätzen können, was man macht.

Haben diese Erfahrungen mit dem Wissenschaftssystem dich ernüchtert?

Nein, denn unser Wissenschaftssystem kennt auch das Konzept der Tenure, der Professur auf Lebenszeit. Das ermöglicht es mir, kreativ zu sein und mir neue Sachen zu überlegen. Wenn man einmal Tenure erreicht hat, kann man das gefahrlos machen und das ist die wahre Forschungsfreiheit. Das ist ein großes Privileg und es kommt mit großer Verantwortung. Ich versuche diese Verantwortung zu erfüllen, indem ich einen möglichst großen Nutzen für die Gesellschaft zurückbringe. Wir müssen einen wissenschaftlichen Gegenwert für unsere Finanzierung erreichen. 

Welche Faktoren waren rückblickend maßgeblich für deinem Erfolg in der Wissenschaft?

Du brauchst ein Grundvertrauen in dich und dieses Grundvertrauen ist mir glücklicherweise immer geschenkt worden – in Saarbrücken an der Uni und später am CISPA – und so konnte ich mich rein von Neugier getrieben auf Gebiete konzentrieren, in denen ich viel Potenzial für Verbesserungen gesehen habe. Auf diese Gebiete habe ich mich gestürzt und sie teilweise auch definiert. Das habe ich meine ganze Karriere entlang gemacht und da war immer viel Glück dabei, diesen Faktor sollte man nicht unterschätzen. In mancher Hinsicht bin ich ein Überlebender. Viele, die zu Beginn ihrer Karriere etwas anderes machen wollen als alle anderen und dabei immer wieder auf das Unverständnis ihrer Kollegen stoßen, gehen irgendwann unter. Deswegen kann auch nicht sagen, so, wie ich das gemacht habe, führt es zum Erfolg. Als Rezept würde ich das nicht andienen. Es ist zu Beginn ein sehr steiniger Weg und man muss aufpassen, dass man diesen Weg sicher gehen kann.

Für die Doktoranden und Postdocs in deiner Forschungsgruppe bist du ein wichtiger Mentor. Welches Rezept versuchst du ihnen beizubringen?

Es geht nicht darum, ein paar nette wissenschaftliche Beiträge zu veröffentlichen, damit man sich hinterher einen Titel in den Personalausweis setzen kann. Es geht darum, sich etwas wirklich Cooles einfallen zu lassen und erst wenn das gut funktioniert, können wir der Welt davon erzählen. Ich habe hohe Ansprüche, was diese Coolness angeht. Meine Doktoranden sollen etwas Neues tun, das allgemeinen Anspruch hat und über eine konkrete Problemstellung hinaus geht, so dass es möglichst viele Probleme gleichzeitig lösen kann. Ich habe kein Interesse daran, an ein existierendes System noch eine Schraube dranzubauen, sondern ich will diese Systeme von Grund auf neu bauen. Das ist nichts Ungewöhnliches, das ist der Anspruch der Exzellenz, den wir überall am CISPA haben. Diese Exzellenz versuche ich meinen Leuten zu vermitteln und das kriegen sie auch aus der Umgebung mit. Das CISPA hält große Stücke auf sie und das müssen sie zurückgeben. 

Mit Inputlab bist du an einem Startup im Bereich Softwaretestung beteiligt. Welche Rolle spielt der Technologietransfer für dich?

Mein Anspruch ist es, Dinge hervorzubringen, die nicht nur theoretisch funktionieren, sondern die später in einen konkreten Nutzen überführt werden können und zwar nicht nur im Prinzip, irgendwann mal. Ich will, dass das noch zu meinen Lebzeiten aufgegriffen wird und zu einer besseren Softwarewelt führt. Das ist auch gut für die Karriere meiner Leute. Denn wenn sie keine akademische Laufbahn anstreben, können sie ausgründen, oder sie finden Jobs bei den besten Tech-Konzernen. Einige meiner Leute sitzen bei Google, Amazon, Microsoft oder Facebook und machen da gute Arbeit.

Wenn man mit dir über deine Forschung redet, entsteht oft der Eindruck einer gewissen Mühelosigkeit. 

Nein, eigentlich nicht. Bei uns im Forschungsprozess sind viel Blut, Schweiß und Tränen dabei, auch deshalb, weil bei uns typischerweise die Entwicklung von großen Systemen und Prototypen dazugehört. Da leiden wir genauso wie alle anderen daran, dass es groß und komplex ist und dass wir Fehler machen. Aber wenn man ein gutes Werkzeug baut und der Welt zur Verfügung stellt, kann man eben sehr viel mehr Impact haben, als wenn man die Grundprinzipien dieses Werkzeugs in irgendeinem Papier beschreibt, das hinterher in einer Bibliothek verstaubt. 

Wer dir auf den Sozialen Medien folgt, lernt einiges über deine Forschung. Woher kommt diese Freude an der Kommunikation?

Ich frotzele gerne, dass das, was ich mache, in einen Tweet passen muss – ich muss meine Beiträge zur Wissenschaft in 280 Zeichen erklären können. Forschung so herunterzubrechen ist eine eigene Kunstform. Und es ist eben auch ein Effekt meiner Spähertätigkeit. Ich gehe raus, komme zurück, und sage: „Da ist ein vulkanischer See, hier sind schneebedeckte Berge und da hinten gibt es Elche!“ So kann man Geschichten am Lagerfeuer erzählen. Und weil man der Erste ist, man kann es in weniger Sätzen cooler ausdrücken.

Inzwischen hast du beinahe alle großen Auszeichnungen auf deinem Gebiet gewonnen. Was willst du noch erreichen?

Ich renne mit 11 Impact Paper Awards rum, das ist eigentlich ungerecht. Mit dreien war ich schon sehr glücklich. Drei große Sachen erreicht zu haben in meinem Forscherleben, damit hatte ich meinen Zweck erfüllt. Aber das soll nicht despektierlich klingen. Nach vielen Jahren kommt jetzt einfach die Ernte der Sachen, die ich eine Zeit lang gesäht habe. Ich höre auch nicht damit auf. Auch die Forschung, die wir jetzt gerade machen, wenn alles gut geht, soll auch die in zehn Jahren wieder einen Preis bekommen können. Das ist mein Anspruch.