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CISPA/David Rohner | © CISPA/David Rohner

CISPA/David Rohner

2026-01-29
Felix Koltermann

Unserer neuer Faculty: Dr. Adam Kortylewski, Experte für maschinelles Lernen und Visual Computing

Das menschliche Bildverständnis ist intuitiv, schnell und erstaunlich zuverlässig – und zugleich eine der größten Herausforderungen für die künstliche Intelligenz. Genau dieser Frage widmet sich Dr. Adam Kortylewski, der im November 2025 als Tenure-Track-Faculty ans CISPA kam. Er wurde mit einer der renommiertesten Förderungen im deutschen Wissenschaftssystem ausgezeichnet: eine Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe, die noch bis 2028 gefördert wird. Im Gespräch erläutert er, was ihn an visueller KI fasziniert, warum er sich für das CISPA entschieden hat und welche Ziele er in seiner Tenure-Track-Phase verfolgt.

Die Fähigkeit, aus zweidimensionalen Bildern die dreidimensionale Realität zu erschließen und mögliche Konsequenzen unseres Handelns vorauszuberechnen, sind grundlegende Aspekte der menschlichen Intelligenz. „Wir tun dies ganz selbstverständlich und ohne Anstrengung“, erzählt Dr. Adam Kortylewski. „Für Maschinen ist das jedoch extrem schwer“, fährt er fort. „Wir sehen in unserer täglichen Forschung, wie weit KI  noch von visueller menschlicher Intelligenz entfernt ist.“ Genau dieses Spannungsfeld treibt seine Forschung an. Konkret untersucht er, wie KI-Modelle visuelle Repräsentationen erzeugen und wie robust diese sind, also wie sie versagen und manipuliert werden und zuverlässiger gemacht werden können.

„Mich interessiert besonders, wie generative KI-Modelle unsere Annahmen über das Lernen visueller Repräsentation verändern“, erklärt er. „KI-Modelle lernen nicht mehr nur, Informationen aus Bildern zu extrahieren, sie erzeugen sie. Das eröffnet völlig neue Perspektiven auf visuelle Intelligenz.“ Seine Arbeit ist an der Schnittstelle von maschinellem Lernen, Visual Computing und Computersicherheit angesiedelt. Maschinelles Lernen bildet dabei das methodische Fundament, Visual Computing liefert die zentralen Fragestellungen. „Wenn wir visuelle Intelligenz auf menschlichem Niveau verstehen und modellieren könnten, hätte das enorme Auswirkungen auf die reale Welt“, ist er überzeugt. Aus der Computersicherheit übernimmt er das kritische Denken, um KI als reales, fehlbares und angreifbares System zu begreifen – nicht als perfekte Black Box.

Exzellenz und Ambition: Gründe für den Wechsel ans CISPA

Der Wechsel vom Max-Planck-Institut für Informatik und der Universität Freiburg ans CISPA war für Kortylewski eine bewusste Entscheidung. Ausschlaggebend war für ihn die Kombination aus langfristiger Forschungsfreiheit, Ressourcen und einer kritischen Masse an Expert:innen in maschinellem Lernen und Cybersicherheit. „Das CISPA ist wissenschaftlich exzellent und zugleich ambitioniert. Es investiert in langfristige Fragestellungen und stellt großartige Ressourcen zur Verfügung“, sagt er. Denn das Verständnis grundlegender Probleme brauche oft Zeit. Was ihn als Wissenschaftler antreibt, ist die Möglichkeit, fundamentale Fragen zu stellen. „Dieser Prozess des Suchens ist etwas, das ich sehr genieße und was den Beruf des Forschers für mich zum Besten überhaupt macht“ erklärt er. „Das Gefühl, etwas Neues zu entdecken – so klein es auch sein mag – und die Welt ein wenig besser zu verstehen, ist unglaublich motivierend.“

Standortfaktor Deutschland: langfristige Perspektiven und intellektuelle Unabhängigkeit

Kortylewski hat in mehreren Ländern geforscht und kennt unterschiedliche Wissenschaftskulturen. Während er das Umfeld in den USA als äußerst dynamisch erlebt hat – mit Menschen die bereit sind, Risiken einzugehen, Projekte schnell zu starten und bei Bedarf die Richtung zu ändern – fand er während seines PhD Studiums in der Schweiz heraus, dass das Land für ihn für die Verbindung exzellenter Finanzierung mit hohen wissenschaftlichen Standards steht, oft in kleineren Teams mit enger Industrieanbindung. Deutschland hingegen bietet für ihn etwas anderes: langfristige Perspektiven und intellektuelle Unabhängigkeit. „Forschende stehen nicht unter dem ständigen Druck, dem nächsten Förderantrag hinterherzulaufen. Ihre intellektuelle Unabhängigkeit ist gut geschützt. Das ermutigt, in Ideen zu investieren, die Jahre brauchen, um zu reifen, aber ganze Fachgebiete verändern können.“

Das Generative Intelligence Lab im Saarland

Derzeit überführt Kortylewski seine Forschungsgruppe ans CISPA: das Generative Intelligence Lab. Ziel ist es, grundlegende Fragen künstlicher visueller Intelligenz zu untersuchen und das Zusammenspiel von Bildgenerierung und Bildverständnis besser zu verstehen. Um seine ambitionierte Agenda umsetzen zu können, rekrutiert er Doktorand:innen, die er auf ihrem Weg hin zu unabhängigen Wissenschaftler:innen in partnerschaftlichem intellektuellem Wachstum begleiten will. Der Start am CISPA gestaltet sich für ihn einfacher, weil er durch seine frühere Tätigkeit am Max-Planck-Institut für Informatik bereits seit mehreren Jahren im Saarland ansässig ist. So kann er auch das private und das berufliche Leben besser verbinden. „Ich erlebe das Saarland als sehr freundlich und ruhig mit offenen Menschen“, sagt er. „Das ist ein Umfeld, in dem man sich gut konzentrieren kann und schnell zuhause fühlt.“ 

Eine klare Botschaft: KI soll Menschen unterstützen, nicht ersetzen

Die Leidenschaft, mit der Kortyleswki künstliche Intelligenz verstehen und verbessern will, zeigt sich auch in einer klaren Haltung zu den Herausforderungen und Grenzen von KI-Systemen. „KI kann wissenschaftliche Entdeckungen beschleunigen, den Zugang zu Wissen demokratisieren und monotone oder gefährliche Aufgaben automatisieren“, sagt er. Gleichzeitig benennt er klar die Herausforderungen: Verzerrungen in Daten, schwer interpretierbare Entscheidungen, Manipulierbarkeit und Missbrauch. Deswegen ist es für ihn so wichtig, Systeme zu entwickeln, die vertrauenswürdig sind. „KI sollte menschliche Urteilsfähigkeit unterstützen, nicht ersetzen“, ist er überzeugt. „Dafür braucht es Rahmenbedingungen, in denen der Mensch die Kontrolle über leistungsfähige, aber unvollkommene Systeme behält.“